Am üblichen Tango-Unterricht kann man eine ganze Menge kritisieren (siehe diesen Artikel), der größte didaktische Fehler ist für mich jedoch, Anfänger von Anfang nur eng tanzen zu lassen. Mir kommt das immer so vor, als ob man einem Schwimm-Anfänger auch gleich noch einen Bleigürtel umbindet, damit es nur ja möglichst schwer wird. Warum ist diese Methode so unsinnig?
Schauen wir uns als erstes das Gehen an. Viele Männer können schon unter „normalen Umständen“ nicht richtig gehen. Am häufigsten erlebe ich, dass sie den Fuß nicht mit der Ferse aufsetzen und abrollen (siehe diesen Artikel), sondern mit gebeugten Knien die ganze Sohle aufsetzen und schlurfen. Immer wieder sieht man auch zu sehr nach außen gedrehte Fußspitzen („duck walk“) auf einer oder auch beiden Seiten. Ein weiterer Gangfehler ist ein zu breiter, schwankender „Seemannsgang“, meistens eine Folge von Hüftproblemen.
Die Männer, die eigentlich normal und entspannt gehen könnten, verkrampfen spätestens in dem Moment, in dem sie Brustkontakt aufnehmen sollen. Was immer wieder vergessen wird, ist, dass eine „Umarmung“ unter Deutschen etwas völlig anderes ist als die Umarmung im Tango. Wenn Deutsche sich „umarmen“, strecken beide den Kopf nach vorne und berühren sich an den Wangen, vermeiden aber normalerweise jeden Kontakt mit der Brust. Vor allem Frauen erleben den „Intimitätsdruck“ der engen Tanzhaltung oft als ausgesprochen unangenehm, was zu einer verkrampften Haltung führt.
Außerdem können Frauen am Anfang natürlich überhaupt nicht rückwärts gehen. Woher auch, es ist ja eine völlig ungewohnte Bewegung und Rückwärtsschritte im Alltag sind auch noch mal ganz anders als das Rückwärts-Gehen im Tango.
Was passiert nun, wenn zwei Menschen, die beide schon alleine nicht richtig gehen können, es zu zweit „aneinander geklebt“ machen sollen? Sie werden sich ständig an den Knien berühren bzw. auf die Füße treten. Die naheliegende „Lösung“ ist dann (falls noch nicht geschehen) den Hintern rauszustrecken (um unten etwas mehr Platz zu haben), den Kopf nach vorne zu schieben (man soll ja „Kontakt“ haben) und immer kleinere Schritte zu machen.
Auch eine schlechte Haltung kann enges Tanzen erschweren bzw. unmöglich machen. Viele Männer haben vom ständigen Starren auf Monitor bzw. Handy einen Rundrücken, oft kombiniert mit einem nach hinten gekippten Becken:

Oft kommt auch noch ein nach vorne geschobener Kopf („Geierhals“) dazu. Mit dieser Haltung kann man keinen „Brustkontakt“ aufnehmen. Alle entsprechenden Versuche führen nur zu weiterer Verspannung.
Alle Lehrer, die Anfänger von Anfang an ausschließlich eng tanzen lassen, sollten mal selber einen ganz neuen Tanz ebenfalls von Anfang an „aneinander geklebt“ lernen müssen, gut geeignet wäre dafür z.B. Bachata in der eng getanzten (sensual) Version. Garantiert käme nach kürzester Zeit der (berechtigte) Protest, dass das doch unnötig schwer sei und die Frage, warum man nicht erstmal in einer offenen Haltung Schritte und Führung lernen/üben könne, bevor man es eng probiert. Bachata ist dabei noch mal deutlich leichter, weil man die meiste Zeit Seitwärts-Schritte bzw. Schritte an der Stelle macht, was wesentlich leichter ist, als vorwärts bzw. rückwärts zu gehen.
Wenn fast überall Anfänger von Anfang an eng tanzen sollen, muss es doch überzeugende Gründe dafür geben, sonst würde doch nicht so unterrichtet, oder? Schauen wir uns mal die am häufigsten genannten Gründe an:
„Bei der engen Umarmung ist der Oberkörperkontakt der primäre Kommunikationskanal.“ Das ist prinzipiell richtig, nur müssen Mann und Frau erstmal lernen über den Oberkörper zu kommunizieren. Das kann erst funktionieren, wenn man sich beim Gehen nicht mehr ständig „ins Gehege kommt“. Außerdem setzt „Oberkörperkontakt“ bei beiden Partnern (siehe oben) eine entsprechende Haltung voraus. Solange die nicht vorhanden ist, kann es nicht funktionieren.
„In enger Tanzhaltung neigen Anfänger weniger dazu, mit den Armen zu schieben oder zu ziehen.“ Nach meiner Erfahrung ist genau das Gegenteil richtig: Gerade weil die Kommunikation über den Oberkörper so schwierig ist und am Anfang nicht funktioniert, beginnen Männer in ihrer Not zu schieben und zu ziehen. Viel sinnvoller ist eine offene Übungshaltung, bei der die Arme des Mannes völlig inaktiv sind und die Hände der Frau auf seiner Brust (oder seinen Oberarmen/Schultern) liegen.
„Die Nähe zwingt beide Partner, in der eigenen Achse zu bleiben. So wird von Beginn an gute Haltung und stabiles Gehen gefördert.“ Diese Behauptung ist einfach kompletter Unfug, in Wirklichkeit ist es genau andersherum. Gleichgewicht, gute Haltung und stabiles Gehen sind die Voraussetzung für enges Tanzen, nicht das Ergebnis. Wer jemals versucht seine eigene Haltung zu verbessern, weiß, wie mühsame das ist und wie konsequent man oft Jahre lang trainieren muss, um Ergebnisse zu sehen. Das Gleiche gilt für ein schlechtes Gleichgewicht, man muss meistens mindestens ein halbes Jahr regelmäßig üben, bevor man irgendwelche Fortschritte macht (siehe diesen Artikel).
„Auf den meisten traditionellen Milongas wird überwiegend eng getanzt, frühe Gewöhnung macht den Übergang in die Praxis leichter.“ Das ist ein total dämliches Argument. In der Bewegungs- bzw. Tanzdidaktik geht es immer darum Anfängern Bewegungen zu erleichtern („didaktische Reduktion“) und nicht zu früh zu schwere Bewegungen einzuführen. Man kann sich nicht an etwas „gewöhnen“, wenn die Voraussetzungen dafür fehlen.
Die mit Abstand dümmste Begründung ist jedoch „So wird in Buenos Aires auch unterrichtet“ bzw. „Wir haben es auch so gelernt“. Na und? Dort lernt man vielleicht auch noch durch reines Vor- und Nachmachen. Es spielt überhaupt keine Rolle, wie in BA unterrichtet wird, entscheidend ist, was sich methodisch-didaktisch bewährt hat.
Fazit: Es gibt viele gute Gründe, warum Anfänger nicht von Anfang an in enger Tanzhaltung beginnen sollten, aber es gibt keinen einzigen überzeugenden Grund dafür. Es ist also keine Frage, dass eine offene Haltung für den Anfang viel leichter und entspannter ist.
Anspielung im Titel nicht erkannt? Guckst du hier.
Schreibe einen Kommentar