Der Begriff „musikalisch tanzen“ ist eigentlich kompletter Unfug, denn er impliziert, dass man ja auch „UNmusikalisch“ tanzen kann. Das ist zwar im Tango sehr oft der Fall, aber dann ist es für mich kein „Tanzen“ zur Musik, sondern lediglich „Bewegung mit (Hintergrund-) Musik“.
Wie absurd das im Tango so verbreitete „Erst die Technik, die Musik kommt später“ (wobei „später“ in den meisten Fällen nie bedeutet) wird klar, wenn man dieses Motto mal auf andere Gesellschaftstänze anwendet. Wir tanzen ein paar Jahre also die Schritte von Wiener Walzer und Rumba, ohne uns um die Musik zu kümmern. Bei Volkstänzen wie der Polka ist uns die Musik erstmal egal. Bei Aerobic und Zumba kümmert uns der stampfende Rhythmus nicht. Tango ist der einzige Tanz, bei dem es nicht nur akzeptiert, sondern absolut üblich ist, dass die Leute einfach irgendwas machen ohne sich im Geringsten um die Musik zu kümmern. Es ist sogar akzeptiert, dass komplette Unfähigkeit mit Euphemismen wie „kreativ“ oder „unkonventionell tanzen“ schöngeredet wird. Tango ist auch der einzige Tanz, bei dem Leute nach vielen Jahren viel Geld für „Musikalitäts-“ Workshops ausgeben, wo sie dann lernen was ein 4/4‑Takt ist und welche Taktschläge in der typischen Tango-Musik betont sind.
Noch erstaunlicher wird dieser Zustand, wenn man weiß, dass bereits Ungeborene im Mutterleib rhythmische Strukturen wahrnehmen können, vor allem tiefe, regelmäßige Muster wie den Herzschlag der Mutter, Sprachrhythmus und regelmäßige musikalische Beats. Ab der ca. 33. Schwangerschaftswoche reagieren Föten nachweislich mit Bewegungen und veränderter Herzfrequenz auf Musik und rhythmische Reize. Studien mit Neugeborenen zeigen, dass die Fähigkeit, regelmäßige Beats zu erkennen, bereits bei der Geburt vorhanden ist. (Quelle) Als optimales Tempo gelten 60–80 BPM, das entspricht dem Ruhepuls eines Erwachsenen von ca. 60–80 Schlägen in der Minute. Und ca. 60 BPM ist genau das „normale“ Tempo eines typischen Tangos, weshalb er auch „Puls“ genannt wird (siehe dazu diesen Beitrag über Tempi). Wäre man gehässig, könnte man sagen, dass die meisten Neugeborenen sich „musikalischer“ bewegen können als die meisten TänzerInnen.
Eine Grundvoraussetzung für „musikalisches“ Tanzen ist überhaupt erstmal ein Minimum an Respekt für die Musik, d.h. jedes längere und/oder lautere Gequatsche, während Musik spielt, ist völlig daneben (siehe dazu diesen Artikel).
Wenn es um „Musikalität“ bzw. „musikalisches Tanzen“ geht, bekommt man oft den Eindruck, das sei eine Fähigkeit, die man entweder hat oder eben nicht. In Wirklichkeit handelt es sich jedoch um einen Prozess, bei dem man (im Idealfall) verschiedene Ebenen/Levels durchläuft.
Auf der einfachsten Stufe geht es zunächst darum, nicht gleich mit den ersten Tönen loszulaufen, sondern erstmal mindestens 4 Takte abzuwarten, um den Tanz mit der 1 einer neuen Phrase zu beginnen. Dabei sollte der Mann auf den 3. und 4. Takt vier kleine Schritte (bzw. Gewichtsverlagerungen) am Ort machen, damit sich Mann und Frau „synchronisieren“ können, bevor es losgeht. Danach sollte man in wechselnden Kombinationen im „normalen“ und „langsamen“ Tempo die Schritte gesetzt werden. Am Ende der (16er-) Phrase sollte man (so wie die Musik) immer mal wieder zur Ruhe zu kommen (und nicht – wie so viele – das ganze Stück „durchrennen“). Und schließlich sollte man lernen das Ende eines Stückes zu antizipieren, langsamer zu werden (bzw. stehenzubleiben) und den Tanz mit einer einfachen Schlusspose zu beenden und nicht einfach „mittendrin“ eine „Vollbremsung“ hinzulegen, bzw. (noch schlimmer) weiterzutanzen, obwohl die Musik schon zu Ende ist.
Auf der nächsten Stufe sollte man „schnelle“ Schritte bzw. Schrittkombinationen in den Tanz integrieren. Zusätzlich sollte es immer häufiger darum gehen, dass die verschiedenen „Figuren“ der musikalischen Phrase entsprechen, dass also z.B. ein Ocho cortado auf die 1 beginnt und auf die 8 endet. Im Lauf der Zeit sollte man ein kleines Repertoire an Schlussposen erwerben, so dass auch hier ein bisschen variiert werden kann.
Auf fortgeschrittenem Niveau lernen wir unsere Schritte und Figuren dem Tempo und Charakter der Musik anzupassen. Durch Verdoppelungen können wir Schritte bzw. Figuren beschleunigen bzw. durch halbes Tempo und Pausen verlangsamen. Wir tanzen z.B. das Sandwich zunächst zu „normaler“ Tango-Musik, danach zu einem Vals, dann zu langsamer Musik und am Ende zu einer flotten Milonga. Und jedes Mal versuchen wir, die Eigenarten der Musik (z.B. das Fließende eines Vals oder das Staccato eines d’Arienzo Tangos) passend zu „vertanzen“.
Musikalisch tanzen kann man nur, wenn man „in die Entspannung kommt“ und überhaupt (zu-)hören kann. Viele Männer setzen sich selbst unter Druck und glauben ständig irgendwas „machen“ und ein Feuerwerk an möglichst komplizierten Figuren wie Sacadas, Volcadas und Colgadas abbrennen zu müssen, um als guter Tänzer zu gelten. Den wenigsten Frauen gefällt dieses hektische Figuren-Runterspulen, sie würden viel lieber zwischendurch immer mal wieder einfach nur „schön“ und entspannt gehen und drehen.
Die anspruchsvollste Art „musikalisch“ zu tanzen, ist das zu tanzen, was die Musik „vorgibt“ bzw. „vorschlägt“. Dafür braucht man ein gutes Gehör und jahrelange Übung.
Am einfachsten ist es noch bei Pausen. Allerdings muss man die Stücke öfter gehört bzw. getanzt haben, um Pausen antizipieren zu können. Wenn man z.B. das folgende Stück nicht gut kennt, wird man mit großer Wahrscheinlichkeit in die Pause (bei 1:25) reinstolpern:
Mit konzentriertem Hören und viel Übung kann man auch lernen, melodische (= legato) und rhythmische (= staccato) Passagen herauszuhören und seinen Tanz (z.B. das Gehen) entsprechend anzupassen. Gut hört man den Unterschied beim folgenden Stück:
Ein schönes Beispiel gibt es in diesem Video.
Deutlich anspruchsvoller ist es, zum Beispiel Verdoppelungen (bzw. halbes Tempo) spontan zu tanzen, weil die Musik das „vorschlägt“. Wie das aussehen kann, wird in diesem Video erklärt.
Sehr anspruchsvoll ist es im nächsten Stück die fünf schnellen (Achtel-)Noten des Klaviers am Ende der (16er-) Phrase z.B. mit kleinen Seitanstellschritten zu vertanzen:
Viele Beispiele von perfektem musikalischem Tanzen findet man bei Dario Moffa und den meisten Profi-Auftritten (wie hier).
Am Beispiel von „Tigre Viejo“ wird in diesem Video gezeigt, wie man zu einzelnen Instrumenten tanzen kann.
Um deine Musikalität zu verbessern, solltest du so oft wie möglich deine Lieblings-Tangos (bzw. Valses / Milongas) zuhause spielen und dazu improvisieren. Hier ein Beispiel, wie so etwas aussehen kann.
Falls du dich intensiver mit dem Thema beschäftigen möchtest, empfehle ich dir das Buch Tango: Zur Musik tanzen!.
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