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Angekündigter großer Unsinn

In einem Interview mit der in Bildungsfragen unnachahmlich einseitigen SZ (vom 7.5.2012) meinte Kultusminister Spaenle zum Thema „pädagogische Reformen“:

Wir haben den Gymnasien empfohlen, von den „nicht-angekündigten kleinen Leistungserhebungen“ abzusehen und stattdessen angekündigte kleine Leistungserhebungen durchzuführen.

Wurde aber auch höchste Zeit. Da meinen doch tatsächlich ewiggestrige Lehrer immer noch, man müsste Lernende zu kontinuierlichem Lernen anhalten und das ginge halt nun mal am besten, indem man immer mal wieder einen nicht angekündigten kleinen Test schreibt.

Außerdem glaubte vielleicht so mancher verstockte Kollege, dass er – nachdem er (in der Oberstufe) in „großen Leistungserhebungen“ kein Wissen mehr abprüfen darf, das halt in Zukunft in einer „kleinen“ machen kann. Das gilt es zu verhindern!

Überhaupt waren diese unangekündigten „Lernzielkontrollen“ ein völlig antiquiertes Mittel der schwarzen Pädagogik. Allein schon die gefährlichen gesundheitlichen Folgen dieses überfallartigen „Bis auf Schreibzeug alles wegpacken“: Anstieg des Blutdrucks, Ausschüttung von Stresshormonen, bedenkliche Beschleunigung des Pulses mit den bekannten Folgen Stress, Überforderung, Motivationsverlust, Depressionen und Burnout.

Der nächste Schritt muss natürlich sein, dass ebenso unpädagogische mündliche „Ausfragen“ per „Empfehlung“ abzuschaffen. Hier bieten sich zwei Alternativen an: Der Schüler meldet sich freiwillig beim Lehrer, wenn er geprüft werden will: „Herr Müller, ich habe jetzt die 10 Wörter auf S. 183 gelernt und kann jetzt auch auf Englisch sagen, dass M.L. King ein ‚great man‘ war.“ Oder der Lehrer kündigt im Sinne der „freundlich-fördernden Evaluation“ das „Gespräch“ (‚Prüfung‘ klingt zu brutal) rechtzeitig an: „Max, wenn es dir nichts ausmacht, würde ich in der nächsten Stunde gerne mit dir über die 10 Wörter auf S. 183 sprechen. Außerdem würde ich noch gerne von dir wissen, ob M.L. King eine bedeutende Persönlichkeit war.“

16 Antworten auf „Angekündigter großer Unsinn“

@Susann: Au ja, „ordentliche Begründungen“ wären richtig gut, da hätte ich eine lange Liste von Dingen, für die ich gerne eine einleuchtende Erklärung hätte …

Doch, doch, er begründet schon, allerdings wenig schlüssig(s.o.). Fachdidaktisch ist das ganze KMS sowieso nicht gerade eine Meisterleistung, zudem kenne ich keine anderen Fächer am Gymnasium, die so gegängelt werden wie die modernen Fremdsprachen, und das trotz (oder wegen??) des empirisch durchaus sehr erfolgreichen Unterrrichts an bayerischen Gymnasien.

> und das trotz (oder wegen??) des empirisch durchaus sehr erfolgreichen Unterrrichts an bayerischen Gymnasien.

Das ärgert mich auch wahnsinnig. Unsere Schüler sind seit Jahrzehnten zumindest in Englisch national und auch international spitze. Das hängt vielleicht auch ein klitzekleines bisschen mit unserem Untericht zusammen. Dann braucht man uns nicht wie Deppen zu behandeln!

wer zu gut ist, den bestraft das KUMI –schon vergessen, wie Bayern im PISA Test abgeschnitten hatte, bevor das G8 vom Zaun gebrochen wurde???

Ich sehe die Passage „orientieren sich stark“ ehrlich gesagt nicht ganz so dramatisch. Fachbetreuer sind schulrechtlich nicht weisungsbefugt, und es sind eben gerade nicht andere Prüfungsvormate ausgeschlossen, sondern die Abiturprüfungsformate sollen m. E. deutlich überwiegen. Genau dies ist auch sinnvoll und hat man in der alten Kollegstufe auch so gemacht.

Andere Passagen des KMS ärgern mich da sehr viel mehr, zum Beispiel der obrigkeitsstaatliche Ton, gepaart mit einer schon ironisch wirkenden Danksagung am Ende, oder aber das explizite Verbot von Rechenschaftsablagen an der Tafel im Anfangsunterricht, noch dazu mit der eigenartigen Begründung, dass diese nicht mit einem kompetenzorientierten Unterricht vereinbart sind.

Marcus

> Fachbetreuer sind schulrechtlich nicht weisungsbefugt

Das ist richtig, aber hast DU Lust gegen die expliziten Vorgaben des Fachbetreuers zu verstoßen? Der reicht deine Klausur einfach mit einem entsprechenden Vermerk an die Schulleitung weiter und die ist dann weisungsbefugt. Was ist damit gewonnen?

Echt jetzt, Rechenschaftsablagen darf man im Anfangsunterricht nicht mehr an der Tafel machen? Ging völlig an mir vorüber, ups.

Hier der genaue Wortlaut:

„Nicht mit den Grundprinzipien des kompetenzorientierten Unterrichts vereinbar sind Rechenschaftsablagen, die rein schriftlich an der Tafel durchgeführt werden und/oder im Rahmen derer den Schülerinnen und Schülern lediglich deutsche oder fremdsprachliche Wörter zur unmittelbaren Übersetzung in die Fremdsprache bzw. ins Deutsche gegeben werden.“ (S. 5, 4. Absatz)

Das finde ich aber schon in Ordnung. Nur an die Tafel schreiben bzw. nur Wortgleichungen abprüfen ist einfach zu wenig.

Es heißt „REIN schriftlich“. Ihr werdet eure Schüler ja beim Ausfragen wohl sprechen lassen, oder? 😉 Ich finde, diesen Passus sollte man keinesfalls als Verbot von Rechenschaftsablagen interpretieren, auch nicht als engstirniger Fachbetreuer.

Ich hätte da gerne mal eine ordentliche Begründung, die tatsächlich irgendwelche empirischen Hintergründe hat. Ich habe nicht den Eindruck, dass frühere Schülergenerationen nach Rechenschaftsablagefolter im Anfangsunterricht weniger gekonnt Englisch sprechen konnen als die jetzige.

„Großer Unfug“ hat gegenüber jedwedem „Kleinen Unfug“, sei er nun angekündigt oder ex tempore, immerhin den Vorzug der Größe, ja Erhabenheit. (Vgl. „Complete Nonsense“ — vollkommener Stuss ist definitiv besser als unvollkommener!)

Zur Fortbildung von Lehrkräften und Minister empfehle ich E. Lear’s „The Complete Nonsense Book“. http://archive.org/details/completenonsense00lear2

Einige Kollegen, die aus Menschenliebe mehr oder weniger dezente Hinweise auf zu erwartende Exen gegeben haben, sind von der Praxis wieder abgerückt, weil in den betreffenden Stunden ein enormer „Krankenstand“ zu verzeichnen war. Bin schon gespannt, was das KUMI dagegen tun will.

Nu, es gibt die Möglichkeit, bei angekündigten Leistungsnachweisen (Schulaufgabe, Referat, Test – nicht Ex, weil die per Definition unangekündigt ist) ein Attest zu verlangen. Sonst 6. Das mögen die Eltern aber nicht besonders.

Das ist wirklich unfassbar! Sogar jemand, der nicht vom Lehren versteht, sollte einsehen, dass Spaenle hier groben Unfug verbreitet!

Was passiert mit den schwarz-pädagogischen Schafen, die trotz gegenteiliger Empfehlung am Extemporale festhalten? Es wird spannend.

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