Phrasen sind musikalische „Sinneinheiten“, die die Musik strukturieren, so ähnlich wie Sätze, Absätze und Kapitel einen Text gliedern. Man kann Phrasen auch mit Zeilen in einem Gedicht vergleichen, in der jede Zeile vier Betonungen hat:
- Ach, aus dieses Tales Gründen
- Die der kalte Nebel drückt
- Könnt ich doch den Ausgang finden
- Ach, wie fühlt ich mich beglückt.
„Ach, aus dieses“ entspricht einem Takt, die vier Silben entsprechen vier Taktschlägen (Viertelnoten).
„Ach, aus dieses Tales Gründen“ entspricht zwei Takten, also acht Silben bzw. Taktschlägen (beats). Diese bilden die (für Tänzer) kleinste musikalische Einheit, die häufig „8er Phrase“ genannt wird. Wenn wir „in Phrasen tanzen“ beginnen wir eine Figur (wie z.B. den Ocho cortado oder eine Drehung) auf der 1 und beenden sie auf der 8.
„Ach, aus dieses Tales Gründen / Die der kalte Nebel drückt“ entspricht vier Takten (= zwei 8er Phrasen) und ist die für das Tanzen wichtigste musikalische Einheit („16er“ bzw. „8 Schritt“ Phrase). Typische Tangomusik besteht fast immer aus Blöcken von vier Takten. Am Ende der vier Takte haben wir oft das Gefühl, dass etwas „abgeschlossen“ wird und danach (mit der neuen Phrase) wieder etwas „Neues beginnt“.
Das Verwirrende ist nun, dass wir in diesen vier Takten acht Betonungen haben, die (im normalen Tempo) acht Schritten entsprechen. Deshalb werden auch diese vier Takte oft als „8er Phrase“ bezeichnet. Wenn jemand von „8er Phrase“ spricht, muss man deshalb immer erst klären, ob er Taktschläge (also zwei Takte) oder Schritte (vier Takte) meint.
Das ganze Gedicht entspricht acht Takten (= acht x vier = 32 Zählzeiten) und bildet den sog. „Melodiebogen“ („32er Phrase“). Am Ende des Melodiebogens haben wir noch ausgeprägter einen „Abschluss“ bzw. „Ruhepunkt“ in der Musik.

Zwei Melodiebögen bilden einen Teil (section). Ein typischer Tango besteht aus fünf Teilen (ABABA bzw. ABABC). Am Beispiel von „Cara Sucia“ wird das in diesem Video erklärt. Die einzelnen Teile von „Bahia Blanca“ kann man sich hier anhören.
Beispiele
Beispiele für „8 Schritt“ Phrasen im Tango:
Wir machen immer mal wieder (im normalen Tempo) beim achten Schritt eine Pause und bleiben kurz stehen, wie in diesem Video gezeigt wird. Weitere Tangos mit regelmäßiger Phrasenstruktur findet du hier.
Im Vals hört man die „8 Schritt“ Phrase am besten, weil fast alle Valses Phrasen aus acht Takten haben. Hier ein Beispiel:
Wie man Vals „in Phrasen tanzt“, siehst du in diesem Video. Weitere schöne Valses gibt es hier.
In Milongas hört man die Phrasen am schlechtesten, weil sie erstens so schnell und zweitens häufig sehr unregelmäßig sind. Hier ein Beispiel eines halbwegs regelmäßigen Stückes:
Weitere flotte Milongas findest du hier.
Anfang & Ende
Wenn man gelernt hat, Phrasen zu hören, latscht man nicht gleich bei den ersten Tönen oder im dritten Takt los, sondern wartet erstmal mindestens vier Takte ab, um den Tanz auf die 1 der neuen Phrase zu beginnen.
Die meisten Tangos haben eine „Einleitung“, die wir erstmal abwarten, bevor wir den Tanz beginnen. Typisch ist, wie bei El Adios, eine Einleitung von vier 8er Phrasen („32er“ Phrase bzw. „Melodiebogen“). Bei manchen Stücken, wie Viento Norte, besteht die Einleitung nur aus zwei 8er Phrasen. Bei Invierno könnte man bereits nach vier 8er Phrasen anfangen, so richtig geht’s aber erst nach zwei weiteren 8er Phrasen los.
Mit ein bisschen Übung kann man bei den meisten Stücken das Ende erkennen / antizipieren und den Tanz mit einer einfachen Schlusspose (z.B. einem langsamen Kreuz) schön beenden.
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